Das Ministerium für Bildung und Ausbildung hat mit der Rundverfügung Nr. 86/2026/TT-BGDĐT eine neue Grundlage für die Organisation der naturwissenschaftlich-technischen, ingenieurwissenschaftlichen und mathematischen Bildung (MINT/STEM) in der Allgemeinbildung vorgelegt. Die Verfügung zielt darauf ab, MINT-Bildung systematischer, synchronisierter und wirkungsorientierter zu organisieren und zugleich administrativen Druck sowie reinen Leistungswettbewerb zu reduzieren.
Zentrale Bestimmungen und Absichten
Gemäss der Rundverfügung soll die MINT-Bildung flexibel in bestehende Lehrpläne integriert werden. Explizit vorgesehen ist, dass keine neuen Fächer eingeführt werden, keine zusätzlichen Unterrichtsstunden vorgesehen sind und kein zusätzlicher administrativer Aufwand entstehen soll. Damit will das Ministerium verhindern, dass die organisatorische Umsetzung der MINT-Initiative zu Mehrbelastungen für Lehrpersonen und Lernende führt.
Als Hauptziele nennt die Verfügung die Vermittlung von wissenschaftlichem Denken, Problemlösungskompetenz, Kreativität sowie die Fähigkeit zur praktischen Anwendung von Wissen. Diese Kompetenzen sollen die Vorbereitung der Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt und die Anforderungen eines technologiegetriebenen Entwicklungsmodells stützen.
Reaktionen aus der Praxis
Vertreter aus dem Schulsektor werten das Rundschreiben als strategischen Einschnitt. Trang Minh Thien, Leiter der Abteilung Technologie‑Biologie‑Informatik an einer weiterführenden Schule in Can Tho, bezeichnete die Verfügung als «entscheidenden, dringenden und strategischen institutionellen Wendepunkt» für die Allgemeinbildung und die Entwicklung der Humanressourcen des Landes.
«Das Rundschreiben 86 ist ein entscheidender, dringender und strategischer institutioneller Wendepunkt für die Entwicklung der Allgemeinbildung sowie der Humanressourcen des Landes.»
Die Verfügung adressiert damit konkrete Probleme, die in den vergangenen Jahren als Hindernisse identifiziert wurden: administrative Überforderungen, eine Fixierung auf Prüfungsnoten und eine mangelnde Integration fächerübergreifender, praxisorientierter Lernformen.
Folgen für Unterricht und Lehrpersonen
Die Anweisung, MINT-Inhalte ohne Schaffung neuer Fächer und ohne Stundenaufstockung einzubetten, verschiebt die Umsetzungslast auf die Unterrichtspraxis, das Lehrmittelangebot und die berufliche Entwicklung der Lehrpersonen. Entscheidend wird sein, wie Schulen und Lehrkräfte:
- fächerübergreifende Lernsequenzen planen und koordinieren,
- praktische Lerngelegenheiten (Schulprojekte, Experimente, Anwendungen) in den bestehenden Stundenrahmen integrieren,
- Fortbildungen und Ressourcen nutzen, um Innovationskompetenzen zu vermitteln.
Ohne zusätzliche Ressourcen droht allerdings, dass die Ziele eher rhetorisch bleiben. Die Verfügung betont die Qualitätsorientierung im Unterricht, liefert aber keine konkreten Angaben zu zusätzlicher Finanzierung, Lehrmittelbeschaffung oder landesweiten Fortbildungsprogrammen.
Implikationen für Lernende und Arbeitsmarkt
Wenn die Umsetzung gelingt, dürften Schülerinnen und Schüler stärker auf Probleme mit realem Bezug vorbereitet werden: kritisches Denken, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Anwendung von Technik und Naturwissenschaften werden explizit gefördert. Das entspricht dem erklärten Ziel, die Kompetenzentwicklung der Lernenden mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes im neuen Kontext zu verknüpfen.
Gleichzeitig bleibt offen, in welchem Tempo und mit welcher Qualität die Integration stattfinden wird. Entscheidend sind die operative Umsetzung in den Schulen, die Bereitstellung geeigneter Lernmaterialien und die Aus- sowie Weiterbildung von Lehrkräften.
| Element | Vorgabe der Rundverfügung |
|---|---|
| Neue Fächer | Keine Einführung |
| Unterrichtszeit | Keine Erhöhung |
| Administrative Belastung | Soll reduziert werden |
| Fokus | Qualität des Unterrichts und Kompetenzentwicklung |
Die Rundverfügung stellt eine richtungssensible Weichenstellung dar: Sie will die MINT-Bildung stärken, ohne den bereits kritisierten Leistungsdruck zu verstärken. Ob dies gelingt, hängt massgeblich davon ab, wie Bildungsbehörden, Schulleitungen und Lehrpersonen die Vorgaben in konkrete Lehr‑Lernarrangements übersetzen und welche Unterstützungsmassnahmen auf regionaler und lokaler Ebene bereitgestellt werden.
Die nächsten Monate werden zeigen, in welchem Umfang die Verfügung zu substanziellen Veränderungen in Unterrichtspraxis und Lehrerbildung führt und ob die angekündigte Entlastung tatsächlich eintritt oder in der Praxis durch fehlende Ressourcen konterkariert wird.