Berlin. Der Pianist Igor Levit hat ein eigenes Plattenlabel mit dem Namen „No Silence“ gegründet. Ziel des Projekts ist es, Musikerinnen und Musiker zu vernetzen und ihnen zu ermöglichen, ihr Werk selbstbestimmt und ohne ideologische Beschränkungen zu veröffentlichen. Das Vorhaben verbindet künstlerische Ambition mit einer Haltung gegen Konformismus und Extremismus.
Selbstverständnis und Zielsetzung
Auf der Website seines Labels formuliert der Gründer, dass die Welt mehr Stimmen brauche, die künstlerisch intervenieren. Es gehe darum, ein Netzwerk aufzubauen, das Künstlerinnen und Künstler unterstützt, ihr Werk so selbstbewusst wie möglich zu präsentieren. Das neue Label versteht sich dabei nicht nur als wirtschaftliches Vehikel, sondern explizit als Ausdruck einer Haltung: für Schönheit, Mut und Menschlichkeit, gegen Vereinheitlichung und radikale Positionen.
„Unsere Welt kann nie genug Stimmen haben, die künstlerisch intervenieren.“
In einem Interview mit dem Tagesspiegel kritisierte Levit einen aktuellen Diskursverfall in der Kulturdebatte: Es werde immer häufiger darüber verhandelt, welches Werk noch gezeigt oder gefördert werden dürfe und welches nicht. Er forderte, dass Kunst in ihrer Wirkung nur funktionieren könne, wenn sie frei sprechen dürfe. Sein Interesse gelte dem „Freien, Unbedingten, Explosiven, zugleich Seriösen“ – Eigenschaften, die er auch bei Kolleginnen und Kollegen suche und mit dem Label fördern wolle.
Startprogramm: drei klare Statements
Das Label startet mit drei Veröffentlichungen, die programmatisch betrachtet eine Bandbreite klassischer Rezepte und experimenteller Ansätze abdecken. Die gewählten Werke weisen zugleich auf eine programmatische Absicht hin: Traditionsbewusstsein, historische Reflexion und radikale Wiederaufnahme bekannter Texte.
| Release | Werk | Besonderheit |
|---|---|---|
| Lukas Sternath | Werke von Schubert und Liszt | Debütalbum, früherer Schüler des Gründers |
| Erik Satie | „Vexations“ | Wiederaufnahme eines ungewöhnlichen, repetitiven Stücks |
| Beethoven/Liszt/Schönberg | „Eroica“ in Liszts Klaviertranskription, ergänzt um Schönbergs „Ode to Napoleon“ | Kombination von Transkription und musikalischer Kommentar |
Diese Auswahl legt nahe, dass das Label sowohl junge Interpretinnen und Interpreten fördern als auch historische Werke in neue Kontextsetzungen stellen will.
Kontext: Kultur, Förderung und Debatte
Die Initiative trifft auf ein breites Feld aktueller Diskussionen: Kulturförderung, die Rolle öffentlicher Institutionen und die Frage, inwieweit künstlerische Produktionen Normen und Erwartungen entsprechen müssen. Die Gründung eines unabhängigen Labels durch eine profilierte Persönlichkeit kann als Versuch verstanden werden, alternative Strukturen jenseits etablierter Förderräume zu schaffen.
- Selbstbestimmung: Künstler sollen ihre Werke ohne institutionelle Filter veröffentlichen können.
- Vielfalt: Das Label setzt auf unterschiedliche Formate — von Debütalben bis zu radikalen Wiederaufführungen.
- Positionierung: Deutliche Haltung gegen Konformismus und für eine offene Streitkultur in der Kunst.
Für die Kulturpolitik stellt sich die Frage, wie solche privaten Initiativen mit öffentlichen Fördermechanismen zusammenwirken oder konkurrieren. Unabhängige Labels können Impulse geben, aber sie können bestehende Zugangsbarrieren nicht allein abbauen. Zudem bleibt offen, wie das Label seine Veröffentlichungen wirtschaftlich tragen will und welche Rolle Kooperationen mit Institutionen, Konzertveranstaltern oder Medien spielen werden.
Zusammengefasst adressiert die Gründung von „No Silence“ grundlegende Fragen der künstlerischen Freiheit und der Selbstverantwortung in der Musiklandschaft. Durch die ersten drei Veröffentlichungen signalisiert das Projekt, dass es sowohl Traditionspflege als auch programmatischen Mut verbinden möchte. Ob sich daraus dauerhaft neue Wege für die Künstlerinnen- und Künstlerförderung ergeben, wird sich an Resonanz, Partnerschaften und der weiteren Programmplanung messen lassen.
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