Forscher haben bei Personen mit Long Covid deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms in der Lunge und im Mund festgestellt. Die Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal European Respiratory Journal, basiert auf Probanden aus der PHOSP‑COVID‑Kohorte, einem grossangelegten britischen Forschungsprojekt zur Erforschung von Langzeitfolgen nach einer SARS‑CoV‑2‑Infektion.
Kernergebnis und Zusammenhang mit Symptomen
In der Studie wurden Veränderungen im bakteriellen Profil der Atemwege dokumentiert, die mit dem Auftreten typisch langer Long‑Covid‑Beschwerden korrelieren. Konkret bestanden Zusammenhänge mit ausgeprägteren Atemwegsbeschwerden sowie mit kognitiven und Verdauungsproblemen, wie sie aus der Long‑Covid‑Klinik bekannt sind. Damit ergänzt die neue Arbeit frühere Befunde, wonach Long Covid im Blut messbare Entzündungszeichen hinterlässt und dass auch der Darmmikrobiom betroffen sein kann.
„Dennoch sind die Ursachen noch immer unbekannt“, sagte Hauptautorin Daniela Alferes de Lima Headley von der University of Dundee in einer Pressemitteilung.
Was die Ergebnisse bedeuten
Die Befunde deuten darauf hin, dass das Mikrobiom – nicht nur im Darm, sondern auch in Lunge und Mundraum – ein relevanter Faktor für anhaltende Beschwerden nach einer Covid‑Erkrankung sein könnte. Das eröffnet zwei wichtige Perspektiven:
- Diagnostik: Ein charakteristisches mikrobielles Muster könnte künftig als ergänzender Biomarker dienen, wenn Symptome allein nicht ausreichen, um Long Covid zu objektivieren.
- Therapieansätze: Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung lassen gezielte Interventionen denkbar, etwa über antimikrobielle Strategien, Probiotika oder andere modulierende Massnahmen – hierfür sind aber weitere Studien nötig.
Stichprobe und Forschungskontext
Für die vorliegende Analyse wurden Daten von insgesamt 771 Teilnehmenden herangezogen. Die Probanden stammen aus der PHOSP‑COVID‑Kohorte, die als Leuchtturmprojekt gilt und bereits frühere Hinweise zu Entzündungsmarkern bei Long Covid lieferte. Die Forscherinnen und Forscher betonen gleichzeitig, dass bislang kein allgemein etablierter klinischer Biomarker für Long Covid existiert und die Diagnostik weiterhin stark von der Schilderung der Symptome durch Betroffene abhängt.
| Aspekt | Ergebnis |
|---|---|
| Studienteilnehmer | 771 |
| Untersuchungsbefund | Verändertes Mikrobiom in Lunge und Mund |
| Assoziierte Symptome | Atemwegsbeschwerden, kognitive und Verdauungsprobleme |
Konsequenzen für Versorgung und Forschung
Für die klinische Praxis in Österreich sind mehrere Folgen denkbar: Erkenntnisse über mikrobiologische Muster können die Forschung an objektiven Tests für Long Covid befeuern und langfristig die Auswahl gezielter Behandlungsstrategien verbessern. Bis solche Anwendungen in Routinediagnostik und Therapie Einzug halten, sind jedoch Replikationsstudien und Interventionsstudien erforderlich.
Fachleute weisen zudem darauf hin, dass Long Covid eine systemische Erkrankung ist, die mehrere Organe betreffen kann. Das Mikrobiom eines einzelnen Körperbereichs ist daher nur ein Teil des komplexen Puzzles. Zugleich könnte die Fokussierung auf orale und pulmonale Mikroben neue Anknüpfungspunkte für interdisziplinäre Forschung bieten – von Pneumologie über Neurologie bis Gastroenterologie.
Kurzfristig bleibt die wichtigste Empfehlung für Betroffene unverändert: Symptome ernst nehmen, bestehende Versorgungsangebote nutzen und Long‑Covid‑Spezialambulanzen oder Hausärztinnen und Hausärzte zur Abklärung konsultieren. Wissenschaftlich markiert die neue Studie jedoch einen weiteren Schritt hin zu einem besseren Verständnis der biologischen Grundlagen von Long Covid.