Das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf widmet der Gestaltung in der humanitären Hilfe erstmals eine umfassende Ausstellung. Unter dem Titel «Humanitarian, by Design? Design als zentrales Element der humanitären Arbeit» werden knapp 200 Objekte, Fotografien und Exponate gezeigt, viele davon erstmals öffentlich.
Gegenstände, Räume, Bilder — drei Perspektiven
Die Schau gliedert sich nach Angaben der Museumleitung in drei Perspektiven: Gegenstände, Räume und Bilder. Sie macht sichtbar, wie sehr selbst banale Objekte — von Verbandstaschen bis zu Notfallkoffern — Entscheidungen über Leben und Tod beeinflussen können. Zugleich wirft die Ausstellung kritische Fragen auf: Wann hilft Standardisierung, und wann verfehlt sie die spezifischen Bedürfnisse von Betroffenen vor Ort?
Pascal Hufschmid, Direktor des Museums, betont die Möglichkeitsräume und Grenzen des Designs.
«Für die humanitäre Arbeit braucht man Objekte. Sie sind niemals neutral, sondern das Ergebnis von Entscheidungen.»
Konkrete Beispiele aus der Ausstellung
Die Ausstellung zeigt historische wie moderne Beispiele, die jeweils eine Seite der Debatte beleuchten:
- Eine Verbandstasche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts als Beispiel für standardisierte Erste-Hilfe-Ausrüstung.
- Ein Notfallkoffer aus China aus den 1950er- oder 1960er-Jahren, der Transport- und Lagerlogistik sichtbar macht.
- Eine Prothese, die zwar innovativ konzipiert wurde, sich aber in der Praxis nicht durchsetzte, weil sie nicht an die Bedarfe im Feld angepasst war.
- Das modulare Notunterkunftsprojekt «Better Shelter», das rasches Aufbauen ermöglicht, zugleich aber Fragen nach Kontrolle und Überwachung aufwirft.
| Aspekt | Beispiel in der Ausstellung |
|---|---|
| Standardisierung | Verbandstasche (20. Jh.) |
| Logistik | Notfallkoffer (China, 1950/60er) |
| Technische Innovation | Nie eingesetzte Prothese |
| Unterkünfte | Modulare Notunterkunft («Better Shelter») |
Zwischen Effizienz und Anpassungsfähigkeit
Die Schau macht deutlich, dass effiziente, standardisierte Lösungen grosse Vorteile haben: Sie erlauben schnelle Produktion, einfache Logistik und eine schnelle Verteilung an viele Menschen. Diese Eigenschaften sind in Krisensituationen oft entscheidend. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, dass solche Lösungen nicht automatisch den kulturellen, klimatischen oder physischen Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen.
Das Beispiel der nicht realisierten Prothese illustriert, wie technischer Fortschritt an der Praxis scheitern kann, wenn Material, Wartung, Nutzerinnen- und Nutzerbedürfnisse oder lokale Infrastrukturen nicht berücksichtigt werden. Die Kuratoren fordern deshalb, Designprozesse stärker partizipativ und kontextsensitiv zu denken.
Bildsprache, Macht und Wahrnehmung
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder und Karten: Fotografien, Plakate und Lagepläne prägen nachhaltig, wie Krisen wahrgenommen werden. Die Ausstellung regt dazu an, zu reflektieren, welche Geschichten durch Bilder erzählt und welche Erfahrungen dadurch ausgeblendet werden. Fragen nach Darstellungsmacht und Narrativen stehen dabei im Zentrum.
Hinter der Ausstellung steht das interdisziplinäre Forschungsprojekt «The Future of Humanitarian Design» (HUD), das verschiedene wissenschaftliche Perspektiven zusammenführt. Das Projekt untersucht, wie Design Praxis, Wahrnehmung und Politik der humanitären Hilfe beeinflusst.
Relevanz für Genf als humanitäres Zentrum
Für Genf haben solche Fragestellungen besondere Bedeutung: Als Standort zahlreicher humanitärer Organisationen bietet die Stadt einen Knotenpunkt für Diskussionen über Effizienz, Ethik und Innovation in der Hilfe. Die Ausstellung im Museum eröffnet einen praktischen Blick auf diese Debatten und bindet historische Objekte an aktuelle Forschungsfragen.
Für Besucherinnen und Besucher liefert die Schau konkrete Anschauungsobjekte und Denkanstösse: Welche Rolle sollen Designerinnen und Designer, Hilfswerke und Spender in Entscheidungsprozessen spielen? Wer bestimmt, was Hilfe ist und wie sie aussehen muss?
Die Ausstellung verbindet damit lokal verankerte Institutionen mit globalen Fragestellungen — und fordert dazu auf, humanitäres Handeln nicht nur technisch, sondern auch politisch und kulturell zu denken.