Eine Studie des Citizen Lab der Universität Toronto legt technische Belege vor, dass Spionagesoftware über Onlinewerbung verteilt wurde – und zwar auch in Apps, die viele Nutzerinnen und Nutzer täglich für Auskünfte wie die Wettervorhersage nutzen. Im Zentrum der Analyse steht die israelische Firma Discover‑Tech, die laut den Forschenden als Bindeglied zwischen Werbemarkt und Herstellern von Überwachungssoftware fungiert haben soll.
Wie Werbung zum Angriffskanal wurde
Die Forschenden zeigen, dass Anzeigen von Discover‑Tech auf mehr als 120.000 Websites und in rund 75.000 Apps erschienen. Möglich wurde das, weil Werbeplätze in Bruchteilen von Sekunden automatisiert versteigert werden; dabei kontrolliert kaum jemand jede einzelne Anzeige. Bereits das Laden einer Anzeige reichte in vielen Fällen aus, um Geräte zu identifizieren. In einzelnen Fällen gelangte dem Bericht zufolge sogar die Spionagesoftware der Firma Candiru auf Rechner – eine Software, deren Hersteller in den USA seit 2021 auf einer Sanktionsliste steht.
Welche Ziele stehen im Fokus
Der Bericht nennt als mutmaßliche Ziele unter anderem Institutionen wie die Vereinten Nationen, die NATO und die EU‑Kommission, ferner Regierungen, rund 20 Medien sowie Technologiekonzerne und Chiphersteller. Als Motiv führt die Analyse klassische Informationsbeschaffung an: Wer Journalistinnen, Diplomatinnen, Ingenieure oder andere Fachleute überwacht, erfährt, mit wem sie kommunizieren und woran sie arbeiten.
Konsequenzen und Reaktionen der Branche
Die Untersuchung dokumentiert außerdem, dass Angriffe über längere Zeiträume liefen: Mindestens 45 Geräte des Senders Al Jazeera wurden den Angaben zufolge in den Jahren 2024 und 2025 infiziert. Als Reaktion haben Google und der Branchenverband IAB Europe Discover‑Tech inzwischen von ihren Werbenetzwerken ausgeschlossen.
- Automatisierte Auktionen von Werbeplätzen erlauben kurzfristige Einblendungen ohne detaillierte Kontrolle.
- Ladevorgang einer Anzeige kann bereits zur Geräteerkennung genügen.
- Kommerzielle Werbenetzwerke können als Vermittler zwischen Angreifern und Zielgeräten fungieren.
Was bedeutet das für Nutzerinnen und Nutzer?
Die Studie verdeutlicht, dass selbst unauffällige Elemente wie ein schmales Werbebanner unter der Wettervorhersage ein Sicherheitsrisiko darstellen können. Nutzerinnen und Nutzer sollten sich bewusst sein, dass Anzeigen nicht nur Informationen liefern, sondern unter bestimmten Umständen auch als Einfallstor dienen können. Die Forschenden betonen, dass die Problematik systemische Ursachen hat: Die Architektur moderner digitaler Werbemärkte macht es möglich, dass schädlicher Code über legitime Kanäle verbreitet wird.
| Fakt | Angabe |
|---|---|
| Websites mit Anzeigen | mehr als 120.000 |
| Apps mit Anzeigen | rund 75.000 |
| Bekannte Infektionen (Al Jazeera) | mindestens 45 Geräte (2024–2025) |
Auf nationaler Ebene betrifft das Thema alle, die Apps nutzen – sei es für Wetter, News oder andere Dienste. Betreiberinnen und Betreiber von Apps sowie Werbenetzwerke stehen in der Pflicht, Anzeigenströme strenger zu prüfen und mögliche Drittanbieter konsequenter zu kontrollieren. Gleichzeitig liegt ein Anteil der Verantwortung beim Nutzer: Bewusstsein für Berechtigungen, regelmäßige Updates und der Einsatz vertrauenswürdiger Anwendungen reduzieren das Risiko zumindest auf individueller Ebene.
Die Studie zeigt zudem die Bedeutung transparenter Prozesse im Werbemarkt: Ohne klare Rückverfolgbarkeit bleibt es schwierig, schädliche Akteure dauerhaft auszuschließen. Die Sperrung von Discover‑Tech durch Google und IAB Europe ist ein Schritt, der kurzfristig Schaden begrenzen kann. Langfristig sind jedoch technische und regulatorische Maßnahmen nötig, um die Angriffsfläche durch automatisierte Werbeauslieferung zu verkleinern.
Für Nutzerinnen und Nutzer gilt: Anzeigen sind nicht per se harmlos. Ein Verständnis dafür, wie digitale Werbung vermittelt wird, hilft, die Risiken besser einzuschätzen und Entscheidungen für die eigene digitale Sicherheit zu treffen.