Am 22. Oktober 2026 präsentierte ein Team um Regisseur Heikko Böhm eine der aufwendigsten Dokumentationen über Schweizer Wälder. Der Film will nicht nur schöne Bilder liefern, sondern den Wald als komplexen Lebensraum und kulturelles Phänomen zeigen sowie das Spannungsfeld zwischen menschlicher Nutzung und naturnahem Schutz erörtern.
Konzept: Ästhetik trifft Anthropologie
Die Produktion setzt bewusst auf visuelle Grandezza: Helikopter‑ und Drohnenaufnahmen, Kamerafahrten und Steadycam‑Sequenzen sollen die Wälder in «ganzer Ästhetik» erfassen. Hinter dieser Form steckt eine inhaltliche Absicht: Der Wald soll ein Gesicht bekommen, ohne romantisiert oder verklärt zu werden. Stattdessen nähert sich der Film dem Thema über Menschen, die im und mit dem Wald leben.
«Uns ging es darum, die Wälder in ihrer ganzen Ästhetik zu zeigen und dem Wald ein Gesicht zu geben», erklärt Regisseur Heikko Böhm.
Porträts als erzählerisches Mittel
Im Zentrum der Dokumentation stehen verschiedene «Waldmenschen», deren Perspektiven gegeneinander ausgespielt werden. Zu den Porträtierten gehören:
- Michel Brunner, der alte und besondere Bäume aufspürt und fotografiert; sein Buch «Baumriesen der Schweiz» ist ein Bestseller,
- Albert Mächler aus Sankt Moritz, Jäger und Tierfotograf, der zwischen Jagd und fotografischem Zugang wechselt,
- Luigi Frigerio, Forstarbeiter in Celerina, der den Wald als Nutzraum begreift und die aktive Bewirtschaftung verteidigt.
Diese Porträts illustrieren zentrale Konfliktlinien: Soll der Wald sich selbst überlassen werden, oder ist menschliche Nutzung – insbesondere Holzgewinnung – notwendig, um den Wald nach menschlichem Verständnis «schön» oder funktional zu erhalten?
Waldfunktionen jenseits der Ästhetik
Der Film nimmt dabei auch nüchterne Funktionen des Waldes in den Blick: Schutz vor Erosion und Lawinen, Luft‑ und Wasserreinigung sowie Erholungsraum für die Bevölkerung. Diese vielseitigen Leistungen stehen nicht in Widerspruch zur ästhetischen Darstellung, sondern werden ihr gegenübergestellt, um ein umfassenderes Bild zu zeichnen.
Technik und Inszenierung
Produzent Patrick M. Müller gibt an, man habe sich an großen BBC‑Dokumentationen orientiert und keinen Aufwand gescheut. Kameramann Ralph Baetschmann steuerte die Bildwelten bei; sein Hintergrund umfasst sowohl Dokumentarisches als auch Spielfilmarbeiten.
| Aspekt | Charakteristik |
|---|---|
| Bildsprache | Helikopter, Drohne, Steadycam |
| Erzählweise | Menschenporträts statt reiner Naturaufnahmen |
| Ziel | Wald als komplexer Raum: utilitaristisch, schützenswert, mythisch |
Relevanz für die Umweltdebatte
Die Dokumentation greift Debatten auf, die auch in Österreich aktuell sind: die Balance zwischen forstwirtschaftlicher Nutzung und naturnaher Entwicklung, die Rolle des Waldes für Klimaanpassung und Schutzfunktionen sowie die kulturelle Vermittlung von Natur in einer zunehmend urbanisierten Gesellschaft. Indem der Film unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstellt, dient er weniger der eindeutigen Positionierung als vielmehr der Anregung zur öffentlichen Diskussion.
Für die Umweltberichterstattung ist bemerkenswert, dass die Produktion sowohl ästhetische als auch funktionale Argumente verbindet. Das kann helfen, bei einem breiteren Publikum Verständnis für die Komplexität waldbasierter Entscheidungen zu schaffen – von Naturschutzmaßnahmen bis zur Holzwirtschaft.
Die Dokumentation erscheint damit als Beitrag zur Versachlichung einer Debatte, die häufig zwischen emotionalen Bildern und ökonomischen Interessen hin‑ und hergerissen ist. Ihre Stärke liegt in der Kombination aus visueller Kraft und der Betonung verschiedener menschlicher Beziehungen zum Wald.